Alles, was du kannst…

Dienstagmorgen, ich habe frei. Immer noch ungewohnt. Johanna macht Vetretung, deswegen muss ich heute Nachmittag auch nicht in den Markt.
Und jetzt sitze ich mit meinem Cappuccino vor dem Computer und sollte eigentlich an meiner Hausarbeit schreiben. Der ersten von drei, die bis Ende März fertig sein müssen. Irgendwann brauche ich einfach einen neutralen, ablenkungsfreien Raum, in dem sich nur ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein PC (ohne Internetzugang!) und meine Lektüre befinden.
Und wahrscheinlich würde ich selbst dann alle zwanzig Minuten eine Pause machen.
Manchmal frage ich mich, ob ich ADS habe.
Andererseits, in meinem Blog-Block stehen gerade noch so viele Sachen, die passiert sind und die ich nachtragen muss, also… es gibt immer eine Entschuldigung.
Eben klingelte übrigens der Postbote, kommt zur Tür rein, schaut mich an und ruft: „Post!“.
Ich wäre nicht drauf gekommen.
Aber weiter im Text. Ich weiß, es erscheint eventuell etwas unangemessen, über die Beerdigung meiner Oma zu bloggen aber es gab einige Ereignisse, die damit in Zusammenhang stehen, die es einfach verdienen, erwähnt zu werden. Heute nur eines. Tante Hildegard. Ich habe sie in Verbindung mit Gisela bereits einmal vorgestellt (hier).
Ich hatte sie seit drei Jahren (der letzten Beerdigung) nicht gesehen und, um mit Funny van Dannen zu sprechen: „Ich hätt sie fast vergessen und es tut mir gar nicht leid.“
Ihr erster Satz (und ich bin mir sicher, dass vorher nicht einmal eine Begrüßung kam) war: „Der Damien ist aber groß. Aber mein Enkel ist größer.“
Wohlgemerkt, wir befanden uns auf dem Friedhof, zur Beerdigung ihrer Schwester.
Ein paar kleinere Kommentare gleicher Fasson später machten wir uns auf den Weg zur Trauerhalle. Frau Mutter und Tante Hildegard liefen hinter, La Pecorella und die Freundin meines Bruders neben mir.
Plötzlich vernehme ich, gut hörbar: „Na, die Littlemissbad ist aber auch ganz schön in die Breite gegangen, die war doch immer so schön schlank und vor drei Jahren, war sie doch noch so dünn.“
1.) Schön schlank war ich nie.
2.) Bist du sicher, dass du Omas Schwester bist, Oma war besser erzogen
3.) Vor drei Jahren kam ich direkt aus einer Depression, ich nehme dann zwar ab aber als Diätkonzept ist das eher ungeeignet
4.) Hallo? Ich laufe direkt vor dir!
Ich bin einfach weiter gelaufen. Frau Mutter meinte später, sie fand es bewundernswert, dass ich nichts gesagt habe. Zumindest nicht zu Hildegard.
La Pecorella flüsterte ich zu, dass ich wahrscheinlich gleich einen Mord begehen werde. Wäre irgendwo ein frisch ausgehobenes Grab gewesen, wäre ich vermutlich in Versuchung gekommen.
Vor der Trauerhalle stand der Bestatter. Hildegard hatte ihren eigenen Kranz mitgebracht, den sie ihm überreichte, wobei ein Zweig zu Boden fiel.
Daraufhin drehte sich Herr Vater zu mir und sagte: „Na, unser Kranz ist aber fester.“
Und Paul-Georg: „Unser Kranz sieht aber frischer aus.“
Die beiden hatten zuvor schon ausdiskutiert, wessen Schuhe schwärzer seien.
Nun ja, die Trauerfeier begann, die Trauerfeier endete und wir gingen danach Kaffee trinken.
Kaum angekommen sagte Tante Hildegard für alle, auch die Besitzer gut vernehmlich zu Frau Mutter: „Warum hast du denn nicht in dem Café da vorne gebucht?“
Mit bewundernswerter Selbstbeherrschung fragte Frau Mutter zurück, ob sie das nächste Mal die Organisation übernehmen wolle.
Paul-Georg war anzusehen, dass er Hildegard am liebsten im Polizeigriff auf den Boden werfen wollte.
Meine Lieblingserwiderung wäre gewesen: „Gut, Hildegard, deine Beerdigung feiern begehen wir dann dort.“
Ein Gutes hatte das Ganze allerdings. Dadurch, dass sich alle über Hildegard aufgeregt haben, war die Trauer leichter zu bewältigen.
Und ich kann endlich mal eines meiner Lieblingswörter loswerden: So ein impertinentes Weibsbild.