Ein ganz normaler Samstag (1)

Ich komme in den Markt – fünf Minuten später als geplant, weil ich an einer Hauptverkehrsstraße von der Ampelschaltung ignoriert wurde – und stelle erst einmal fest, dass ich aufräumen muss.
Gisela hat mir ein Chaos hinterlassen. Für mich ist es normal, meinen Arbeitsplatz am Abend so zu verlassen, dass meine Kollegen am nächsten Morgen Ordnung vorfinden. Für Gisela offenbar nicht, denn es ist nicht das erste Mal.
Ich starte also zunächst meine Kasse und mache mich dann an die Arbeit.
Es ist 08:40 Uhr. Durch die noch geschlossene Ladentür sehe ich, dass bereits zwei Kunden vor dem Markt stehen. Zwanzig Minuten vor der Öffnungszeit.
Ich versuche, sie zu ignorieren. Blickkontakt führt erfahrungsgemäß zu Gesten, die darauf hinaus wollen, dass man früher öffnet. Und nichts liegt mir ferner.

Kurz vor neun öffne ich den Markt und die beiden stürmen hinein. Es ist nicht so, dass sie in Eile sind, schließlich hatten sie ja Zeit, zwanzig Minuten vor dem Markt zu warten. Aber sie kaufen schnell und geplant, wenigstens etwas. Und keiner der beiden versucht, mit einem Fünfzigeuro-Schein zu bezahlen. Wenn die ersten drei Kunden das nämlich machen – meist bei Einkaufswerten um höchstens zehn Euro – habe ich in der Kasse kein Scheingeld mehr.

Danach ist erstmal ein wenig Ruhe aber nicht für lang. Ein Kunde kommt, zahlt und wir führen Smalltalk in Reinform. Er sucht in seinem Geldbeutel nach Kleingeld, findet aber nichts.
Er: „Es sollte nicht sein.“
Ich: „Manchmal ist es so.“
Er: „Da kann man nichts machen.“
Ich: möchte schreiend weglaufen, weil ich nicht umsonst eine Niete im Smalltalk bin. Ich finde diese Art Gespräch einfach grauenhaft und komme mir immer vor, als würde ich die Menschen auf den Arm nehmen.

Später ein anderer Kunde: „Na, es wird Frühling, jetzt kann man sich langsam nackig machen.“

Dann wieder etwas Ruhe, zwischendrin die üblichen Verdächtigen.
Irgendwann sehe ich, dass ein Kunde suchend beim Wasser steht und frage, ob ich ihm helfen kann. „Ja, ich suche das Lemon-Wasser, gibt’s das nicht mehr? Das stand immer hier.“
Ich: „Nein, hier steht schon immer nur…“
Er: „Doch, ich hab das immer hier gekauft!“
Ich: „Hier steht nur das Wasser, Wasser mit Geschmack steht eine Reihe weiter vorn.“
Er: „Ach, so sieht das aus? Das ist ja ein ganz anderer Kasten.“
Ähm, ja. Und auch eine andere Abfüllung. Aber das weißt du ja eigentlich, du hast das ja immer hier gekauft.

Mike erschien tatsächlich pünktlich zu Dienstbeginn um 10:00 Uhr. Und so wie er im Moment drauf ist, hätte ich darauf auch gut verzichten können. Außerdem scheint er das Duschen und Zähneputzen aufgegeben zu haben, denn er riecht von Mal zu Mal unangenehmer. Ich suche noch nach einem Weg, ihm das möglichst schonend beizubringen.

Kurz darauf kam Heinrich, den Arm in Gips. Er kaufte sich einen Energy-Drink, trank ihn und ging wieder.
Nein, das wäre die beruhigende Variante gewesen. Er trank ihn, setzte sich auf sein Moped und fuhr wieder.

Langsam wurde es Mittagszeit und obwohl viele Kunden kamen und auch schönes Wetter war, ging die Zeit einfach nicht vorbei.
Der nächste Kunde sprach ein Thema an, was ich seit drei Tagen möglichst versuche, zu verdrängen.
„Na, sie haben aber auch einen gefährlichen Job.“
Am Freitag war eine Verkäuferin in einem Getränkemarkt niedergestochen und getötet worden. Gisela hat daraufhin gleich einen angespitzten Schraubenzieher an die Kasse gelegt. Ich bin mir nicht sicher, dass mir das im Zweifelsfall etwas nutzen würde. Deshalb versuche ich eher, den Gedanken an die Möglichkeit zu vedrängen. Ich habe neun Monate lang an einer Tankstelle gearbeitet, ich möchte nicht in einem Getränkemarkt beginnen, mich um meine Sicherheit zu sorgen.
– Fortsetzung folgt –

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