Ich muss mich mal wieder aufregen

Gerade habe ich auf Spiegel online folgenden Artikel gelesen

m.spiegel.de/politik/deutschland/a-1067871.html

Bis zu einem gewissen Punkt finde ich ihn auch sehr interessant und gut geschrieben.
Aber dann beginnt der Autor zu argumentieren, dass es in Ostdeutschland mehr Fremdenhass gibt als in den westlichen Bundesländern, weil die Ostdeutschen größtenteils Atheisten sind und dementsprechend die christlichen Werte nicht vertreten.

Ganz ehrlich: What a load of crap.

Ich bin Atheistin und ich stehe dazu. Und gleichzeitig vertrete ich die christlichen Werte wesentlich überzeugter (und wahrscheinlich auch überzeugender) als viele meiner getauften Kollegen.

Mir wurde Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe beigebracht. Alten Menschen helfen, Schwangeren und Alten in Bus und Bahn meinen Platz anbieten, Respekt gegenüber meinen Mitmenschen und Verständnis für Andersartigkeit sind nur einige der Dinge, die für mich seit meiner Kindheit selbstverständlich sind. Weil ich sie beigebracht und vorgelebt bekommen habe. Als Atheistin. Von einer aus Atheisten bestehenden Familie. Im Osten.

Dass es in den östlichen Bundesländern mehr Fremdenfeindlichkeit und mehr Ressentiments gegenüber Flüchtigen gibt, ist leider nur schwer zu bestreiten.
Doch den Grund im fehlenden christlichen Glauben zu suchen, finde ich in gewisser Art arrogant. Als hätten die christlichen Religionen ein Monopol auf Nächstenliebe.
Ich befürchte, einer der Hauptgründe für die vermehrt auftretende Fremdenfeindlichkeit ist sehr schlicht: man hat Angst vor dem, was man nicht kennt. Ich merke den Unterschied immer wieder, wenn ich von meinem Wohnort aus in die Heimat fahre. Hier ist es so, dass gefühlt oder vielleicht auch wirklich mindestens fünfzig verschiedene Nationalitäten in der Stadt leben und in der Heimat… nach zwanzig Minuten in der Innenstadt begegnet man mal einem Vietnamesen… zehn Minuten später mal einem Türken.
Beides natürlich etwas übertrieben aber ihr wisst, worauf ich hinaus will.
Hier ist es völlig normal, Menschen mit Migrationshintergrund im Freundeskreis zu haben. In der Heimat ist es schon selten, jemanden im Bekanntenkreis zu haben.

Ich habe früher mit Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet. In diesem Job hört man sehr oft: „Das könnte ich ja nicht“ und manchmal auch, dass die Andersartigkeit Angst macht.
Bis nach dem ersten, spätestens zweiten Besuch auf der Wohngruppe.
Wenn das Andere nicht mehr fremd ist, sondern, wie meine Oma sagen würde:

„Alles nur menschlich“